ADHS - Krankheit 

oder Begabung

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Freising (sj) – „Michel aus Lönneberga“ – die bekannte Figur der Autorin Astrid Lindgren könnte stellvertretend für sie stehen: Kinder die unter ADHS oder ADS leiden. Doch so sehr der Außenstehende schmunzeln kann, wer an Michels Eltern denkt, der wird eher Mitleid empfinden. Für die Eltern von Kindern AufmerksamkeitsDefizit-/ Hyperaktivitäts Störung ist die Situation noch weit unangenehmer. Denn meist sind die Streiche und die Probleme, die ihnen ihrer Kinder bereiten bei weitem nicht so witzig.

Im Auftrag der AOK Freising hielt Dr. med. Dipl. Psych. Carl Wilhelm Baukhage speziell für betroffene Eltern einen Vortrag. Der Vortragssaal war nahezu bis auf den letzten Platz gefüllt. „Hyperaktivität ist nicht nur der Zappelphilipp“, stellte der Referent gleich zu Beginn heraus. An Hand dreier Fallbeispiele zeigte er, dass manche eher das Symptom der „Nervensäge“ oder der „Träumerliese“ entwickeln. Dabei würde man allerdings bei der „Träumerliese“ eher ADS also nur Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom diagnostizieren. Doch allen gemeinsam ist Unaufmerksamkeit und Impulsives Handeln. Nicht einfach ist die Diagnose zumal sie von anderen Erkrankungen wie Schreib-Leseschwäche abgegrenzt werden muss. Hinzu kommt, dass es eine „Dimensionale Diagnose“ ist. Anders als bei (Schwanger/Nichtschwanger) gibt es verschiedene Ausprägungen. Tatsächlich finden sich bei 8,5 Prozent aller Kinder typische Merkmale. Als störend wird es aber nur bei 3,9 Prozent empfunden. Abhängig ist es natürlich auch vom Alter. Während sich die Eltern im Kleinkindalter noch darüber freuen, wie aktiv ihr Sprössling die Welt entdeckt, beginnen die Probleme meist in der Schule.

Einen klinischen Test, so erläuterte Dr. Carl Wilhelm Baukhage, gebe es aber nicht. Diagnostiziert werden könne, die Erkrankung nur aufgrund der Symptome. Das heißt das betroffene Kind zeichnet sich durch eine Reizoffenheit aus, ist gerade zu auf die Suche nah Reizen gepolt. Hinzu kommt eine Impulsivität im Handeln und in Gefühlsreaktionen: „Ein Gedanke schießt durch den Kopf und wird sofort umgesetzt.“ Fast im Gegenzug dazu steht die Fähigkeit zur Hyperfokusierung. Das heißt bisweilen können sich derartige Kinder sogar besonders gut auf eine Sache konzentrieren und dann ist es fast unmöglich sie davon wieder loszueisen. Bemerkbar macht sich ADHS beispielsweise auch dadurch, dass die Kinder meist eine äußerst krakelige Schrift entwickeln, zu Marotten und einer chaotischen Lebensführung neigen. Meist gehen die Symptome im Erwachsenenalter zurück - bei zwei Dritteln verschwinden sie in der Pubertät komplett - dennoch eine Kinderkrankheit ist es nicht. Vielleicht ist es überhaupt keine Krankheit, stellte der Referent eine mutige These auf. Seiner Überzeugung ist es eher eine angeborene Begabung. Dabei scheinen mindestens 13 Gene eine Rolle zu spielen. ADHS ist typisch für eine Jäger- und Sammlergemeinschaft und befähigt beispielsweise zu einer schnellen Orientierung in neuen Situationen. Sie gelten als ideenreich und kreativ und haben phasenweise eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe. Vor allem erstaunlich ist es wie sicher sie in Katastrophensituationen reagieren können. Doch in einer Gesellschaft, die nicht vom Jäger- sondern vom Farmertyp geprägt ist bleiben typische Konfliktsituationen nicht aus. Vor allem wenn es um Bereiche wie schulischer Leistungsdruck, soziale Einordnung, Kontakte zu Gleichaltrigen geht sind Probleme vorgezeichnet.

Die wirklich entscheidende Frage, für die meisten Zuhörer war freilich, was man den tun könne, wenn das eigene Kind unter ADHS leidet. Dabei mag es freilich eine Frage sein, ob überhaupt das Kind, sondern nicht in erster Linie die Gesellschaft unter der Hyperaktivität leidet. In gewisser Hinsicht gebe es auch da eine Bringschuld, eine Umgebung zu schaffen in der auch ADHS-Kinder eine glückliche Kindheit haben. Was aber Eltern machen können, ist die typischen Stärken kennen und ausnutzen. Das heiß vor allem Hobbys besonders fördern. Zu sagen: „Das hält er ja sowieso nicht durch“, sei grundverkehrt. Allerdings braucht das hyperaktive Kind auch besonders am Anfang viel Lob und Anerkennung. Wenn ihn die Sache jedoch richtig interessiert, dann kann es sich richtig engagieren und Ehrgeiz entwickeln. Bei vielen berühmten Sportlern, so der Referent, sieht man ganz deutlich: „Das waren hyperaktive Kinder.“

Noch mehr als bei anderen Kinder, stellte Dr. Carl Wilhelm Baukhage heraus, werde ein klar strukturiertes Tagesablauf erforderlich, es sei wichtig klare Grenzen zu setzen. Benötigt würden aber auch Freiräume. Fördern und Fordern sei das richtige Motto.

„Ritalin - Ja oder Nein?“ war ebenfalls eine entscheidende Frage. Dabei bezog der ADHS-Spezialist ganz klar Position für eine medikamentöse Behandlung. Ritalin führe eben nicht zu einem „High-sein“, sondern helfe den Kindern schlichtweg gerade den Schulalltag zu bewältigen. Beeindruckend waren vor allem, Dias wie sich das Schriftbild vor und nach der Behandlung änderte. Während ohne Ritalin, die Zeilen nicht nur über die Linien tanzten, sondern geradezu die Qualität eines modernen Kunstwerkes hatten, glichen sich mit Behandlung Buchstaben und Zeilen nahezu dem an, was man wohl Standart nennen könnte. Der Wirkstoff sei hoch wirksam und habe erstaunlich wenig Nebenwirkungen. Vor allem würden medikamentös behandelte Patienten später weniger unter psychiatrischen Krankheiten leiden.

Im Anschliss an den Vortrag beschlossen die betroffenen Eltern weiter in Kontakt zu bleiben. Ziel ist es eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Kontakt ist über die AOK Freising möglich.

 


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