| Flucht nach Albanien | |||||
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Erst der Augenschein zeigt das Elend Vom Hilfstransport der Leserspende berichtet FT-Mitarbeiter Stefan Jahnel Freising - Täglich flimmern neue Schreckens-Bilder aus dem Kosovo über den Fernsehschirm. Das grenzenlose Leid hat zu einer großen Hilfsbereitschaft der Freisinger Bürger geführt. Vor fast drei Wochen verließ ein Transporter vollgeladen mit Hilfsgütern die Domstadt in Richtung Albanien. Aus einer kurzen Fahrt wurde eine Odyssee quer durch den Balkan. Schlussendlich gelang es jedoch die Spenden bei der notleidenden Bevölkerung abzuliefern. Die Initiative für den Transport ging auf Hilmi Kllapija zurück: Selbst Albaner, hatte er ein großes Grundstück in der Nähe von Tirana der Hilfsorganisation Mutter Theresa zur Verfügung gestellt. Das Freisinger Tagblatt hatte einen großen Spenden-Aufruf gestartet, unterstützt von den anderen Lokalzeitungen, und in wenigen Tagen trudelten zahlreiche Geld- und Sachspenden ein. Dank der logistischen Unterstützung der Freisinger Roten Kreuzes war es schnell möglich, die Güter einzusammeln und eine Hilfslieferung zusammenzustellen. Für den Transport griff Hilmi Kllapija noch einmal selbst tief in die Tasche. Noch immer wird in den Flüchtlingslagern dringend Hilfe benötigt. Es fehlt vor allem an Grundnahrungsmitteln. Babynahrung, Öl, Makkeroni, Bohnen, Konserven, Zucker, Salz und Milchprodukte stehen auf der Wunschliste ganz oben. Auch Zahnpasta, Shampoos und weitere Hygieneartikel werden dringendst benötigt. Aneinigen Tagen strömen offiziell bis zu 7000 Flüchtlinge in das Lager Kukes. In der Nacht kommen noch einmal 3000. Und nicht jeder lässt sich registrieren. Für manche wird das Fluchtfahrzeug, mit Planen überspannt, zum vorrübergehenden Heim. Einige versuchen gleich weiter in Richtung Tirana weiterzuziehen. Schon bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln ergeben sich häufig Engpässe. Hinzu kommt die medizinische Versorgung. 35 Organisationen, darunter die Mutter-Theresa-Stiftung, die in Albanien unter Shoqata Humanitare Ulpiana firmiert, arbeiten Hand in Hand zusammen um das Elend zu lindern, erklärt Elmi Cena, Sekretärin des Albanischen Roten Kreuzes. Jede Organisation übernimmt dafür eigene Aufgaben, kümmert sich um einzelne Flüchtlingscamps oder ist für die Verteilung von Nahrungsmitteln, Decken und Kleider zuständig. Hinzu kommt die Suche nach vermissten Verwandten. Die Koordination ist dabei die größte Herausforderung. Überall mangelt es an diversen Hilfsmitteln. An Computer ist überhaupt nicht zu denken, oft steht nicht einmal Schreibmaschinen zur Verfügung, vieles muß sogar handschriftlich erledigt werden.
Kommentar: Hilfe weiter nötig Das grenzenlose Leid der Kosovo-Flüchtlinge hat eine gigantische Hilfsbereitschaft geweckt. Mit Geld und Sachspenden versuchen engagierte Vereine, Organisationen und Einzelpersonen den Flüchtlingen unter die Arme zu greifen. Gleichzeitig wächst jedoch bei vielen die Befürchtung, dass nicht jede gespendete Mark bei den Menschen ankommt, denen sie zugedacht war. Derartige Bedenken sind nicht von der Hand zu weisen. Tatsächlich fordert der Kampf gegen Korruption und Bürokratismus viel Energie. Er ist aber nichtsdestotrotz notwendig. Für die Flüchtlinge ist die Hilfe aus Deutschland weiterhin überlebensnotwendig. Einige Probleme ließen sich umschiffen, in dem die Hilfe nur über die ganz großen Hilfsgemeinschaften abgewickelt würden. Doch gerade die kleinen Organisationen sind für die Kosovaren ein erster Schritt in Richtung Hilfe zur Selbsthilfe, Probleme werden nicht nur an andere weitergeleitet, sondern selbst in die Hand genommen. Daher ist es besonders wichtig, die albanischen Hilfsgemeinschaften in die Arbeit miteinzubinden. Die Bekämpfung von Korruption muss gleichzeitig oberste Priorität haben. Von der deutschen Botschaft und besonders dem Arbeitsstab Humanitäre Hilfe werden dabei große Anstrengungen unternommen. Doch auch von der albanischen Regierung müssten deutliche Signale ausgehen. Sonst droht dem Balkanstaat zwar weniger ein Versiegen der humanitären Hilfe, jedoch weitgehende wirtschaftliche Isolation. Für potentielle Investoren ist Albanien derzeit ein einziger Alptraum. Einzelschicksale: Verwundete hingerichtet Dringend auf eine Operation wartet Jusuf Zhuxliqi. Acht Kugeln stecken noch in seinem Körper. Um 3.30 Uhr kamen serbische Paramilitär und zwölf Panzer in sein Dorf Belacerk. Sie schossen auf alles, was sich bewegte. Die Bewohner flüchteten Richtung Xerx. An einem Fluß wartete jedoch eine weitere serbische Einheit und nahm sie sofort unter Beschuss. Nachdem sich die Flüchtenden ergeben hatten, wurde ihnen alles was sie dabei hatten abgenommen. Die Frauen und Kinder mussten sich ausziehen. Ein Albaner, der dagegen protestierte, wurde sofort erschossen. Nachdem die Frauen und Kinder abgeführt worden waren trieb die paramilitärische Einheit die Männer zurück in den Fluss und eröffnete das Feuer. Jusuf Zhuxliqi lag getroffen am Ufer und musste miterleben, wie die Verwundeten anschließend von den Serben mit Kopfschüssen hingerichtet wurden. Erst nach zwei Stunden wagte er es, weiter Richtung Xerx zu fliehen und dort über die Geschehnisse zu berichten. Eine Rettungsmannschaft entdeckte am nächsten Tag noch vier Überlebende, von denen zwei wenig später ihren Verletzungen erlagen. Es blieb kaum Zeit, die Toten zu beerdigen, die meisten wurden nur mit Tüchern zugedeckt. Ein Zimmer für acht Personen Ein Zimmer für acht Personen, so sieht derzeit das Zuhause der Familie Katrati aus. Im Nebenraum der kleinen Wohnung ist eine weitere siebenköpfige Familie untergebracht. Mit ihr zusammen müssen sie sich auch die winzige Küche und das Bad teilen. Wasser gibt es aber ohnehin nicht, respektive: Es muss in Kanistern bis in den zweiten Stock geschleppt werden. 250 Mark kostet die Bleibe, die sich überhaupt nur dank der Hilfe von Verwandten in Deutschland finanzieren lässt. Der Leidensweg der Katratis begann nach einem Nato-Angriff. Wenige Stunden, nachdem die letzte Bombe auf eine benachbarte Stadt gefallen war, waren die Serben mit Panzer und Artillerie gekommen und hatten die Ortschaft Hocevogel in Brand geschossen. Wem die Flucht gelang, der versteckte sich 24 Stunden im Wald. Die serbische Polizei schoß auf die Flüchtenden. Mittels Megaphon wurden die Überlebenden aufgefordert, den Kosovo sofort Richtung Albanien zu verlassen. Zuerst wurde den Flüchtlingen jedoch das gesamte Bargeld abgenommen, Halsketten und Ohrringe einfach abgerissen. Bereits im Dorf Nago, dort hatten sich rund 30000 weitere Flüchtlinge aus anderen Ortschaften angesammelt, wurde der Flüchtlingstreck mit Bomben und Granaten erneut angegriffen. Viele Menschen wurden in ihren Häusern verschüttet, es gab mindestens 300 Tote. Nach weiteren sieben Tagen ohne jegliche Nahrung erreichten die Flüchtlinge schließlich Albanien. Neun Stunden im Schnee Ardita Rexca hatte Glück im Unglück. Sie floh zwei Stunden, bevor die Serben in ihr Dorf Jabilanciavoge kamen. Aus der Entfernung war jedoch noch mitzuerleben, wie das gesamte Dorf, einschließlich Häusern, LKWs, Traktoren und Fahrzeuge in Brand gesteckt wurden. Die Tiere verbrannten in den Ställen oder wurden auf den Feldern erschossen. Den Flüchtlingen blieb nichts übrig, außer mit dem wenigen, was sie dabei hatten, über die Berge Richtung Mazedonien zu ziehen. Ein Weg, der neun Stunden durch hüfthohen Schnee führte Nach einem kurzem Aufenthalt in Mazedonien ging es schließlich weiter Richtung Kukes in Albanien. Und schließlich in ein kleines Flüchtlings-Camp bei Tirana. Dort sind die Verhältnisse zwar nicht mehr ganz so beengt, doch seit 14 Tagen hat Ardita Rexca keine warme Mahlzeit bekommen. Der einzige im Zeltlager verfügbare Kocher wird für die Zubereitung von Babynahrung und Kaffee benötigt. An den „Luxus“, eine warme Dusche ist überhaupt nicht zu denken. Ursprünglich wollte Ardita Rexca Krankenschwester werden. Jetzt kann sie zumindest einer Hilfsorganisation beim Umladen von Lebensmitteln helfen – unentgeltlich, einfach nur für ihr Volk.
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