Bosnien
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Reiseberichte

 

Der brüchige Frieden

Ein Land zwischen Aufbruch und Resignation

Die Augen der Welt sind zur Zeit auf Jugoslawien und den Kosovo gerichtet. Vor eineinhalb Jahren stand der Krieg im benachbarten Bosnien im Interesse der Weltöffentlichkeit. Mittlerweile ist dort Frieden eingekehrt.Grund genug für FJM Mitarbeiter Stefan Jahnel die Unruheregion zu besuchen, um über das Leben der Menschen nach dem Krieg zu berichten.

Der Balkan kommt nicht zur Ruhe. Während der Krieg im Kosovo mit unvermittelter Härte geführt wird, schweigen derzeit in Bosnien die Waffen. Doch bereits bei der Anfahrt durch Kroatien sind die Spuren der Verwüstung unübersehbar. Während in den wieder florierenden Badeorten einzelne zerstörte Gebäude mitunter sogar als Urlauberattraktion herhalten müssen, sind im Landesinneren die Spuren des Krieges alltäglich. Schäden wurden nur notdürftig repariert.

Trotzdem herrscht ein unglaublicher Bauboom. Günstige Preise oder der Wille „vollendete Tatsachen zu schaffen“, sorgen dafür, dass die Lücken, die flüchtende Minderheiten hinterlassen haben, schnell geschlossen werden. Eine richtiggehende Aufbruchstimmung will allerdings nicht aufkommen. Die Menschen bauen ihre Häuser wieder auf. „Was sollten wir auch sonst machen?“ meint eine kroatische Pensionsbesitzerin.

Der Grenzübergang nach Bosnien verblüfft durch seine Normalität. Der kroatische Zollbeamte ist kaum erstaunt Deutsche anzutreffen. Ob wir Bekannte bei der SFPR besuchen wollen, fragt er.

Den Weg nach Bihac säumen zahlreiche zerschossene Häuser. Eine moslemische Stadt, doch davon ist kaum etwas zu spüren. Die Menschen treffen sich in Kneipen, trinken Alkohol, lachen. Verhüllte Frauen sind seltener anzutreffen als in der Münchner Innenstadt.

Am nächsten Tag soll es nach Sarajevo  gehen. Es gibt zwei Routen, die eine ist hundert Kilometer länger, die andere führt über die Republic of Srpska, dem serbisch verwalteten Teil Bosniens. Kein Problem erklärt der Gastwirt: „Die Serben können es sich im Moment gar nicht leisten, zwei Leute einfach zu erschießen – zumindest nicht allzu oft.“ Normalerweise würden die dortigen Polizeistreifen nur etwa fünf Mark Schmiergeld abkassieren. Uns rät man jedoch davon ab. Bei Deutschen meint man könnten die Serben bezüglich „Beamten-Bestechung“ vielleicht doch auf dumme Gedanken kommen.

Die Republic of Srpska wird durch ein großes „Welcome“-Schild angekündigt. Ob das überhaupt erlaubt ist, ist fraglich. Grenzkontrollen dürfen jedoch eigentlich nicht gemacht werden. In Bosnien besteht „Bewegungsfreiheit“. Zufälligerweise steht ein paar hundert Meter weiter jedoch ein Streifenwagen der Polizei. Die Streifenwagenbesatzung ist nach erfolgter, ergebnisloser Kontrolle jedoch eher zum Scherzen aufgelegt. Die Polizisten der zweiten Kontrolle kurz vor Verlassen der Serbenrepublik, sind jedoch etwas dringender auf Geld für einen Kaffee angewiesen. Das Fehlen einer Ersatzbirne für den Scheinwerfer schlägt mit 20 Mark zu Buche. Eine Quittung gibt es dafür freilich nicht.

Sarajevo: Hier finden sich nicht nur Läden des täglichen Bedarfs, sondern es hat sich sogar eine richtige Andenkenindustrie entwickelt. Neben antiken und auf Antik getrimmten Schätzen finden sich auch Schmuck- und Gebrauchsgegenstände, hergestellt aus serbischen Granaten.Auch universitäres Leben hat sich wieder etabliert. Belma Kurtagic und Deijna Sabanio atudieren an der Sarajewoer Universität Soziologie. Für Belma ist das nicht ganz einfach. Ihre Familie wohnte früher in Derventa in der jetzigen serbischen Republik, besaß dort sogar ein großes Haus. Bereits in den anfänglichen Kriegswirren gelang ihnen die Flucht und nach vier Monaten konnten sie nach Deutschland ausreisen. In Bremen absolvierte Belma ihren Schulabschluß und hätte dort am liebsten auch studiert. Nach Dreventa zurückzukehren ist unmöglich.

Die wenigsten Flüchtlinge sind aus nachvollziehbaren Gründen überhaupt daran interessiert, irgendwohin zu gehen, wo sie erneut eine unbeliebte Minderheit sind. So bleibt Belma Kurtagic auch gar nichts anderes übrig als in Sarajewo zur Miete zu leben. Doch das kostet Geld und Geld zu verdienen ist in Sarajevo eine schwierige Angelegenheit. Außer schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs gibt es für eine Studentin nichts zu holen. Eine Familie muß froh sein, wenn schon überhaupt einer eine feste Arbeit hat. Und dann sind es oft kaum 300 Mark im Monat, von denen oft zehn oder mehr Menschen leben müssen. Ohne ihre Familie wäre es manchmal überhaupt nicht gegangen, erzählt Belma Kurtagic. Der Krieg wenige hundert Kilometer weiter im Kosovo kann zu diesen Existenzproblemen nur schwer in Konkurrenz treten. „Wir fühlen mit, aber was können wir schon tun. Wir haben eigentlich selbst gar nichts mehr.“

Die Angst vor dem Krieg schwingt jedoch immer mit. Genau wird verfolgt, wie sich die Lage weiterentwickelt. Zwar glaubt kaum einer, dass die Serben wiederkommen, doch Gerüchte nehmen schnell ihren Lauf. So rief das Auslaufen der „gesamten russischen Schwarzmeerflotte“ große Bestürzungen hervor. (tatsächlich war nur ein Zerstörer unterwegs). Viele nehmen die Lage auch mit schwarzem Humor: „Wenn die Serben wiederkommen, geh ich halt noch mal vier Jahre in den Keller.“

Die Ortschaft Pale, eigentlich fast schon eine richtige Kleinstadt, gilt als Wohnort und Schaltzentrale vieler serbischer Kriegsverbrecher. Diesmal fallen die Grenzkontrollen zur Republic Srpska aber lascher aus als erwartet. Hier kommt nur her, wer Serbe ist, oder geschäftliche Verbindungen mit Serben hat. Die Probleme des Alltags sind wichtiger als die politische Lage. „Wenn sich die politische Großwetterlage beruhigt hat, wenn der Kosovo-Krieg beendet ist, können vielleicht auch hier politische Lösungen gefunden werden.“ Erklärt der Tankwart, der selbst auch einige Jahre in Deutschland gelebt hat. Politische Lösung ist für ihn der Anschluß der Republic Srpska an Jugoslawien. Der Rest Bosniens will doch sowieso viel lieber ohne uns leben, meint er.

Radovan Karadzi und Ratko Mladic wurden jedoch schon lange nicht mehr in der Ortschaft gesehen. Letzter bekannter Aufenthaltsort ist gemäß SFOR-Angaben Foca, dass die Serben in Srbinje umbenannt haben. Gerüchten zufolge sollen beide schon längst auf dem Weg in den Kosovo sein.

Offensichtlich vermuten die SFOR-Einheiten mutmaßliche Kriegsverbrecher aber weiterhin in Foca/Srbinja. Die Stadt befindet sich fast im Belagerungszustand. Wer hinein oder hinaus will, wird von SFOR-Soldaten auf das genaueste kontrolliert, jedes einzelne Gepäckstück exakt durchsucht. Grund: Man will auch das Schmuggeln von Waffen verhindern. Trotzdem versucht man irgendwie einen modus vivendi zu finden. In Bosnien herrscht offiziell Bewegungsfreiheit und eine größere Ortschaft lässt sich schließlich nicht völlig von der Außenwelt abschneiden. Auch die Bewohner von Foca benötigen nicht nur Lebensmittel, sondern auch andere Güter des täglichen Bedarfs.

Die Reise führt weiter nach Mostar. Keine Stadt gilt mehr als Symbol für die Einheit und den Zwietracht zwischen Moslems und Kroaten. Nachdem ein monatelanger Bürgerkrieg zwischen den einzelnen Stadtvierteln beinah die gesamte Altstadt in Schutt und Asche gelegt hat, wurde auch die „Brücke der Freundschaft“ durch einen Panzer-Treffer zerstört. Heute überspannt eine Behelfsbrücke den trennenden Fluss. Aber auch die Steine der alten Brücke werden aus dem Fluß gefischt, und so soll Stück für Stück eine neue Verbindung zwischen den Stadtteilen geschaffen werden. Von der imaginären Grenzziehung ist in der Altstadt kaum etwas zu spüren. Auf beiden Seiten des Flusses spielen Kinder vor zerstörten Gebäuden. Auch auf der Brücke herrscht reger Verkehr. Man besucht sich wieder gegenseitig, flaniert durch Geschäfte der gegenüberliegenden Stadt und besucht dort sogar die Cafes. Für die Kroaten sind die Moslems einfach Kroaten islamischen Glaubens. Eine Einschätzung, die kaum von allen Moslems geteilt wird. Man achtet aber darauf, nicht allzu sehr zu betonen, dass man Muslim und nicht Kroate ist.

Wer jedoch die Altstadt verlässt, stellt schnell fest, dass einzelne Viertel fest in der Hand einzelner Volksgruppen sind. Kroatische Fahnen oder grüne Transparente mit Koran-Zitaten verkünden wer hier zuhause ist.

Kroatische und moslemische Dörfer und Städte wechseln auf dem weiteren Weg nach Westen wie auf einem Fleckerlteppich ab. Begehrtestes Zahlungsmittel in ganz Bosnien ist die Deutsche Mark. Das offizielle Zahlungsmittel ist die „Konvertibilnih Maraka“ und tatsächlich lassen sich die Geldscheine eins zu eins nicht nur hin- sondern auch zurücktauschen. In fast ganz Bosnien sind die Preise daher auch in D-Mark angeschrieben. Nicht jedoch in Tomislav Grad, benannt nach dem legendären kroatischen König und Staatsgründer. Hier sind auch die Preise in Kuna, der kroatischen Währung angegeben. Das heißt aber nicht, dass man nicht in D-Mark zahlen könnte. Deutsches Geld wird sogar ausgesprochen gerne genommen, zumal die Kuna in letzter Zeit deutlich unter Druck stand. Zeichen der nationalen Identität sind überall zu finden, man kann sogar im kroatischen Funknetz telefonieren. Gewünscht wird in Tomislav Grad der Anschluss an Kroatien. Dennoch ist das Verhältnis zu den SFOR-Truppen im allgemeinen gut, auch wenn einzelne Parolen wie „SFOR=Besatzer“ zu lesen sind und vereinzelt sogar mal ein paar Steine in Richtung SFOR-Fahrzeuge geflogen sind. Aus der Position der Stärke kommt man auch leicht mit den Minderheiten vor Ort zurecht. Zwölf Prozent sind Muselmanen und drei Prozent sind Serben. Die sind aber alle prima angepasst und zumeist mit Kroaten verwandt, wird einem im Restaurant „Argentina“ versichert.

In den Gebieten östlich der Kraijna wohnt hingegen fast überhaupt niemand mehr. Über 10000 Einwohner zählte einstmal Bosanska Grahovo. Heute sind es nicht einmal mehr 50. Nach einer gemeinsamen Offensive der Kroaten und bosnischen Kroaten waren die ursprünglichen Bewohner, die Serben, Hals über Kopf geflohen. Nach dem Krieg wollte keiner der Serben weder nach Bosnien, noch nach Kroatien zurückkehren. Die Internationale Staatengemeinschaft, die UNO und die SFOR-Truppen haben zwar den Frieden wieder herstellen können, die „ethnische Säuberung“ hat jedoch hier genauso Bestand wie in der Republik Srpska und vielen weiteren Teilen der Unruheregion.

 

 


Zerstörter Panzer.

 


Mostar: Blick von der Behelfsbrück



Wunderschöne Landschaft.

 


Republik Srpska.



Serbenhochburg Pale

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Zerstörte Häuser.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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