Rückkehr in den Kosovo
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Reiseberichte

 

Vielen Flüchtlingen ist nichts geblieben

FT-Mitarbeiter Stefan Jahnel berichtet aus dem Krisengebiet

Fünf Kilometer vor der Grenze in den Kosovo geht nichts mehr. Die schmale Straße zwischen Kukes und Prizren ist dem Ansturm der rückkehrenden Flüchtlinge nicht mehr gewachsen. Über 20000 Heimkehrer versuchen pro Tag in ihre Heimat zurückzukehren. In Zweier und Dreierreihen schieben sich Autos und Traktoren-Gespanne vorwärts. Mancher wird seine Heimat an diesem Tag nicht erreichen, sondern die Nacht auf der Straße verbringen. Ein vergleichbar kleines Opfer. 600 Mark verlangen die albanischen Kleinbusunternehmer pro Kopf für die Fahrt von Tirana nach Prizren. Das letzte Hemd wird geopfert um in ein verbranntes Land zurückzukehren.

Vor der Grenze verteilen die Hilfsorganisationen Nahrungsmittel an die Rückkehrer. Dabei auch ein Faltblatt über Minen. Die Grenze ist 18 Stunden in Richtung Kosovo und vier Stunden in Richtung Albanien geöffnet. Die Kontrolle läuft jedoch überraschend unbürokratisch. Lediglich das Autokennzeichen wird notiert. Vier Kilometer weiter ist der nächste Checkpoint und wieder ein gewaltiges Chaos. Bundeswehrsoldaten und UCK-Soldaten versuchen den Verkehr zu regeln. Immer wieder versuchen Ungeduldige, sich an den Wartenden vorbeizuschlängeln und werden wieder zurückgewiesen. Für ein Fahrzeug war der Weg über die Serpentinen zuviel. Unter dem Protest des Wagenbesitzers wird das liegengebliebene Hindernis einfach zur Seite gewuchtet.

Das Leben ist nach Prizren zurückgekehrt. Die Cafes sind bevölkert, es wird auch gelacht und gescherzt. Immer, wenn ein Fahrzeug der Nato vorbeirasselt, wird freudig gewunken. Man ist nicht nur stolz darauf, dass die Soldaten jetzt da sind und mancher verwechselt sogar, wer Beschützte und Beschützer sind. Ein gerade aus Deutschland angereister Kosovare radebrecht: „Keine Sorgen machen, alles ist jetzt hier sicher, dass hab’ ich euren Müttern versprochen.“ Der deutsche Soldat ist ziemlich verdutzt.

Doch die Kulisse allgegenwärtiger Zerstörung lässt auch alle Fröhlichkeit ein wenig gespenstisch anmuten. Die Nato hat gesiegt, doch der Verlust naher Familienangehöriger, Nachbarn und Bekannter dämpft jede Freude.

Einzelne zerstörte Häuser, Einschusslöcher an jeder Hauswand, das ist Prizren, doch in den umliegenden Dörfern hat wahrhaft die Apokalypse getobt, von manchen Gebäuden stehen nur Fragmente oder sie wurden gleich bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Vielerorts stehen nur Rohbauten, die von den Serben nicht in Brand gesteckt werden konnten.

Tiere kamen in dem Feuersturm um oder wurden von den Paramilitärs abgeknallt. Neben dem beißenden Brandgeruch liegt auch der Geruch nach Verwesung in der Luft. Auch ist nicht ganz auszuschließen, dass unter den Trümmern der Häuser noch Leichen verschüttet sind.

In den wenigen noch überhaupt noch nutzbaren Gebäude drängen sich die Großfamilien zusammen, teilweise teilen sich über 40 Leute vier Zimmer. Die qualvolle Enge sind sie ohnehin schon aus den Flüchtlingscamps gewohnt. Gemeinsam wird beratschlagt wie es denn weitergehen soll. Denn: Es muss weitergehen. Man will nicht auf Jahre oder gar Jahrzehnte auf die Hilfe Fremder angewiesen sein. Doch die Felder sind verdorrt, erst mit der nächsten Ernte könnte der Kosovo wieder auf eigenen Beinen stehen. Aber auch dorthin ist der Weg weit. Traktoren und landwirtschaftliches Gerät sind verbrannt oder wurden gestohlen.

„Warum haben uns die Serben das angetan?“ fragt sich Albulena (13) die gerade wieder Bellacerke erreicht hat. In ihrem Dorf hatte kein einziger Serbe gewohnt. Chaos, Tod und Vertreibung brachen aus heiterem Himmel in das idyllische Dorfleben hinein. Mit nichts außer den Spenden aus dem Flüchtlingslager in Albanien ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt. Ähnlich empfindet Flutura (14) die ebenfalls ihr Heimatörtchen während des Krieges verlassen musste, jetzt in Rahovec Zuflucht fand und ihrem Dorf ein Gedicht widmete.

 

 

Mein Dorf

Von meinem Dorf bin ich weggegangen
Auf einer Straße, gepflastert mit Traurigkeit.
Mit meinem ganzen Herz rufe ich
Nach dir, oh mein Dorf

Die Häuser sind bis auf den Grund zerstört, und sie haben dich mit Feuer verbrannt,
So viele Massaker,
und die Erde ist mit Blut getränkt

Ich sah es mit eigenen Augen.
Diese Traurigkeit in meinem Dorf.
Auf Wiedersehen, ich muss dich allein lassen
In deiner Zerstörung.

Aber ich komme zurück.
Um wieder bei dir zu sein.
Ich werde bei dir bleiben.
Dort in meinem Dorf.

Flutura Popaj (14)

 

Apokalypse im letzten Moment verhindert

Wunder gab es im Kosovo selten, doch wie durch ein Wunder ist das Dorf Bistrazhine einer Zerstörung entgangen. In den letzten Monaten des Konfliktes stürmten überraschend eine paramilitärische Einheit das Dorf. Dass es nicht zu einem Massaker gekommen ist, das haben die Dorfbewohner zwei mutigen Frauen zu verdanken. Valbona Koca sprang aus dem Fenster des zweiten Stockes. Doch sie brachte nicht nur sich selbst in Sicherheit, sondern nutzte die Gelegenheit, einige Waffen in einem Heuhaufen zu verstecken. Vera Zef Radi wohnte am Rande des Dorfes. Während die übrigen Bewohner zusammengetrieben wurde, gelang es ihr, in der nahegelegenen Stadt Rahovecin einen ihr bekannten serbischen Polizeibeamten anzurufen. Dieser setzte sich sofort in sein Fahrzeug und raste in das kleine Dörfchen. Nach einem langen Gespräch mit den Paramilitärs konnte er diese zum Abzug überreden. Oft halfen jedoch nicht einmal die besten persönlichen Beziehungen, um Bluttaten zu verhindern. Im nahegelegenen Krush e Vogel wurden mindestens 104 Menschen erschossen, darunter eine gemischte albanisch-serbische Familie. Lediglich die „reinserbische“ Frau, die das ganze Massaker mitanschauen musste, wurde von den Paramilitärs verschont und nach Serbien verschleppt.

 

Kosovo – Zurück im zerstörten Land

Viele Flüchtlinge konnten nicht mehr retten als ihr Leben – Ihre Heimat liegt in Trümmern

Prizren – Die Rückkehr der Kosovo-Flüchtlinge ist seit Tagen in vollem Gange: Zwischen Kukes und Prizren windet sich eine kilometerlange Schlange aus Traktoren, LKWs und Kleinbussen über die mit Kurven gespickte Straße. Vor der Grenze heißt es noch einmal rechts ran fahren. Hilfsorganisationen verteilen Mehl, Zucker und andere Lebensmittel an die Rückkehrer. Das Überleben für die nächsten Tage scheint gesichert.

Als Albulena (13) wieder in ihrem Dorf Bellacerke ankam, war das elterliche Anwesen wie alle anderen Häuser ausgebrannt. Als die Serben kamen und sie vertrieben, hatte sie nicht einmal Zeit eine Plastiktüte mitzunehmen. Alles was sie und ihre Familie je besessen hatte, ist ein Raub der Flammen geworden. Ihr vorläufiges Zuhause ist nun ein Neubau, den die Serben nicht in Brand stecken konnten. Jetzt schläft Albulena auf dem Betonboden, das Fenster ist nur durch eine Plastikplane abgedichtet.

Ihre Heimat hat sich für viele Flüchtlinge in ein unbekanntes Land verwandelt. In den Dörfern rund um Prizren, der Zone der deutschen KFOR-Soldaten steht manchmal kaum ein Stein auf dem anderen. Viele Rückkehrer haben die Hoffnung, dass ihr Haus wie durch ein Wunder verschont wurde. Doch Wunder gibt es selten im Kosovo. Die anfängliche Freude über den Sieg der Nato verblasst, wenn die Flüchtlinge vor den Trümmern dessen stehen, was einst ihr Zuhause war.

Im Dorf Bellacerke riecht es noch nach Brand und Verwesung. In den Ställen liegen verbrannte Kühe und Schafe. Möglich, dass unter den Trümmern der eingestürzten Häuser noch Leichen liegen. Wenige Kilometer entfernt, in Krushe Mahde wurde eines der zahlreichen Massengräber gefunden. Vermutlich wurden in einem Haus am Dorfrand mehrere hundert Menschen erschossen und verbrannt.

Nicht alle Kosovaren flüchteten vor den Serben ins Ausland. Familie Kamberi zum Beispiel versteckte sich im Keller ihres Hauses in der Stadt Rahovecin. Sechs Monate verbrachte sie dort fast ohne Nahrungsmittel. Trotzdem nahm sie noch weitere Flüchtlinge auf. Kaum jemand traute sich aus Angst vor Heckenschützen auf die Straße. Lediglich Großmutter Fatime versuchte etwas zum Essen zu organisieren. „Die Serben werden keine Patrone für so eine ale Frau wie mich verschwenden.“, fragte sie bei serbischen Händlern, manche alte Bekannte der Familie, nach Brot, Mehl und Öl. Neun von zehn Türen blieben verschlossen. Meist hieß es: „Die Nato soll euch Essen geben.“. Und wer den Albanern Essen gab, tat es meist zu überhöhten Preisen.

Fatime kann sich noch gut an den Zweiten Weltkrieg erinnern: Damals war es schon schlimm. Die Kosovaren hatten die Deutschen als Befreier von den Serben begrüßt. Mit dem einsetzenden Partisanenkrieg gerieten sie zwischen alle Fronten. Schon damals gab es Massaker. Das Verhältnis zwischen Serben und Kosovaren hat sich niemals richtig erholt. Doch der jüngste Konflikt stellte alles in den Schatten, was sich die beiden Volksgruppen je in ihrer Geschichte an Grausamkeiten angetan haben.

Während am Tag die Straßen noch einigermaßen sicher waren, begannen mit den Abendstunden meist Alkoholexzesse der serbischen paramilitärischen Einheiten. Im Anschluß daran wurde nach UCK-Kämpfern gesucht oder einfach auf alles geschossen, was sich bewegte. Eigentlich, denkt Fatime, war es vielleicht ein Glück, dass das Haus der Kamberi völlig zerstört wurde. Die Serben hätten wohl gar nicht geglaubt, das im Keller noch Menschen leben könnten.

Es gab eine Zeit, als serbische und albanische Kinder noch dieselbe Schule besuchten. Eine Zeit, an die sich Flutura (14), die ebenfalls in Rahovec Zuflucht suchte, nicht mehr erinnern kann. Als sie die Schulbank drückte, waren die Klassen nicht nur nach ethnischer Herkunft getrennt worden. Man ging sogar in unterschiedliche Schulgebäude. Trotzdem hatte man auch Freunde unter den „anderen“, oder spielte zumindest Fußball mit ihnen, trotz oder vielleicht gerade weil es von den Erwachsenen beider Seiten misstrauisch beäugt wurde.

Von Fluturas Freundinnen sind bisher nur wenige zurückgekommen, viele werde überhaupt nicht mehr zurückkommen. Auch in diesem Krieg gibt es mehr Verlierer als Sieger.

 

 

 

 

 

 

 


Auf dem Weg in den Kosovo.

 


Zerstörte Häuser.



Ausgebrannter Bus

 


Panzer patrolieren



Verwüstung überall


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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